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Dreaming of Brad Pitt

 

Casting? Was für ein Casting? Wovon redest du? Und überhaupt, wenn du mir was sagen willst, dann komm bitte in die Küche. Bei diesem Krach hier verstehe ich sowieso nur die Hälfte.“

Andrea wendete die Rindersteaks, die sie vor kurzem unter lautem Zischen in die heiße Pfanne gelegt hatte. Sie sah, wie Lisa sich langsam von ihrem Platz im Esszimmer erhob, wo sie gerade ihre Hausaufgaben beendet hatte. Ihre Tochter schlenderte zur Küche herüber und lehnte sich betont lässig, wie es für Teenager ihres Alters üblich ist, an den Türpfosten.

Andrea musste über Garfield, den Hauskater und Pascha der Familie lächeln. Er hatte ihr bis eben unter lautem Protestgeschrei zugesehen, wie die Steaks, statt blutig und ungewürzt in seinem Napf, in die Pfanne wanderten. Nun strich er laut klagend um Lisas Beine. Anscheinend reflexartig bückte sich Lisa, um den verschmusten Kater mit geübtem Griff auf den Arm zu nehmen. Sie holte ostentativ Luft, bevor sie zum zweiten Mal anfing.

Also, die suchen ein Mädchen zwischen 17 und 22 Jahren, eine gute Schwimmerin, und da hab ich gedacht, ich könnte ja mal mitmachen.“

Mitmachen? Wobei?“ Andrea streute die roten Pfefferkörner über die Steaks in der Pfanne.

Naja, bei dem Casting, hab ich doch schon gesagt.“

Was für ein Casting und wer sind die? Also Herr Gott noch mal! Muss ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen?“

Nichts konnte Andrea schneller aus der Fassung bringen, wie diese Informationsbrocken, die sie, wie gerade eben, von ihrer Tochter vorgesetzt bekam. Das musste sie wohl von ihrem Vater geerbt haben. Genau das machte sie bei Gesprächen mit ihrem Mann auch immer so wütend. Es kam ihr so vor, als würden die beiden von ihr erwarten, dass sie Gedanken lesen kann.

Offensichtlich genervt verdrehte Lisa die Augen und holte tief Luft.

Also, noch mal ganz von vorn. Beim Chatten im Internet bin ich auf die Seite von Warner Brother gegangen, um zu sehen, ob es in den Sommerferien Sonderveranstaltungen gibt. Da stand ein Link über aktuelle Castings. Dort habe ich aus Neugier drauf geklickt und gesehen, dass sie für einen Jugendfilm eine Schwimmerin als Nebendarstellerin oder Statistin suchen.

Ich dachte, ich könnte mich da mal bewerben.“

Meinst du das jetzt ernst, oder soll das ein Aprilscherz sein?“

Mama, es ist Mai!“

Na ja, ich frag ja bloß, weil du immer sagtest, das Letzte was du werden wolltest wäre Schauspielerin.“

Mama, da war ich elf oder zwölf!“

Entschuldige, ich hab nicht mitbekommen, dass sich das inzwischen geändert hat.“

Jetzt sag` schon, Mama, was hältst du davon?“

Ein bisschen mehr müsste ich schon wissen, worum es da geht und wann und wo und so weiter.“

Andrea gab einen Becher Schmand zu den Pfeffersteaks. „Vielleicht kannst du noch mehr Infos besorgen, bevor ich eine Meinung äußere.“

Zufällig hab ich die Seiten ausgedruckt, falls du mal lesen willst?“

Andrea drehte sich zu ihrer Tochter um und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Zufällig? So, so! Na dann gib mal her.“ Sich die Hände an ihrer Schürze abwischend, fragte sie sich, ob ihre Tochter ihr die Unterlagen von selbst gegeben hätte, falls sie nicht ausdrücklich danach gefragt worden wäre.

Ganz der Papa! Was soll man machen? Unbewusst zuckte sie mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

Ihre Tochter ließ den Kater zu Boden gleiten und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer , um die Unterlagen zu holen. Andrea stellte die Flamme, auf der die Steaks brutzelten, ganz klein, goss noch einen Schluck Burgunder dazu und setzte den Deckel auf die Pfanne. Mit der einen Hand strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und mit der anderen nahm sie die Zettel, die Lisa soeben aus ihrem Zimmer geholt hatte und ihr entgegen hielt. Sie zog einen Stuhl unter dem Küchentisch hervor und ließ sich darauf nieder. Schnell überflog sie die zwei Seiten: Vorcasting im Juni in Bottrop, Hauptcasting für Statisten Ende August ebenfalls in Bottrop, für Nebendarsteller in Los Angeles. Dreh für Statisten im November in München ca. eine Woche, für Nebendarsteller außerdem noch drei Monate in Los Angeles ab Februar nächsten Jahres.

Du willst da wirklich mitmachen?“

Sichtlich verlegen blickte Lisa auf ihre Fußspitzen, mit denen sie die Fugen der Bodenfliesen nachzog.

Ich denke schon. Bald bin ich mit der Schule fertig. Also, warum nicht?“

Lisa wurde im kommenden August volljährig. Sie war etwas größer als Andrea, athletisch gebaut und hatte eine hüftlange, blonde Löwenmähne. Mit geschmeidigen Schritten kam sie zu ihrer Mutter an den Küchentisch und setzte sich ihr gegenüber.

Einige Zeit in Amerika verbringen wäre doch nicht schlecht. Und außerdem weiß ich ja gar nicht, ob die mich überhaupt nehmen. Vielleicht komme ich ja noch nicht einmal bis zum Vorcasting. Aber es wäre ´ne nette Erfahrung, und wenn ich eine Rolle kriege, gibt’s auch Geld dafür.“

Na, soviel ist das sicher nicht.“

Stimmt, aber so billig käme ich nie wieder in die Staaten.“

Da hast du Recht, aber was ist mit deinen Studienplänen? Du würdest mindestens ein Semester verlieren.“

Natürlich bewerbe ich mich wie geplant an der Uni. Ich kann ja im zweiten Semester ein Feriensemester einlegen oder versuchen ein paar Scheine über Fernstudium zu machen.“

Während Lisa ihre Gedanken darlegte stand Andrea auf und schaltete die Flamme, auf der die Steaks noch immer langsam vor sich hin schmorten, ganz aus. Inzwischen hatte sich der Schmand mit dem Bratenfond zu einer sämigen Soße verbunden. Sie schmeckte noch einmal ab.

Probier du mal, ich glaube es schmeckt ganz gut.“

Lisa war herangetreten, nahm den Löffel mit der heißen Kostprobe an die Lippen und probierte vorsichtig.

„Mmmh, lecker, ich hab einen Bärenhunger.“„Tja, das Essen wäre jetzt fertig. Ich frag mich bloß, wo die Männer bleiben? Vor einer dreiviertel Stunde wollten sie hier sein.“

Wo sind Papa und Chris?“

Dein Bruder hat ein Fußballspiel und Papa begleitet ihn“, erklärte Andrea.

Ach stimmt ja! Wäre das Spiel nicht um elf Uhr zu Ende gewesen? Jetzt geht es schon auf ein Uhr zu und noch nichts von den Beiden zu sehen!“

Eben! Aber du kennst die Beiden doch, die kommen nie pünktlich, wenn sie zusammen unterwegs sind.“

Stimmt!“, nickte Lisa.

Ich denke, wir sollten den Tisch schon mal decken und mit dem Essen anfangen. Entweder kommen sie gleich und essen mit uns oder sie haben Pech und müssen die Steaks kalt essen“, erklärte Andrea.

Wollen wir nicht warten?“

Andrea schüttelte energisch mit dem Kopf.

Nee! Die Steaks sind jetzt genau richtig und uns beiden hängt der Magen schon in den Kniekehlen. Immerhin haben wir schon ziemlich lange gewartet. Die müssen langsam mal lernen, pünktlich zu sein. Ich habe ja auch noch was anderes vor, als ständig zu warten. Ich will heute unbedingt zeitig ins Bad und einen Wellness - Nachmittag machen. Das versuche ich schon seit drei Wochen, aber immer kommt was dazwischen und es reicht nur zu einer schnellen Dusche. Papa weiß das eigentlich. Wann auch immer die Beiden wiederkommen, ich bin ab drei im Bad!“, sagte Andrea entschieden.

Beide Frauen machten sich an die Arbeit. Da es ein gutes Essen gab, deckten sie den Tisch etwas feierlicher als üblich: Weiße Tischdecke, das gute Geschirr, Weingläser und Servietten. Nach wenigen Augenblicken waren sie fertig und setzten sich an den Tisch.

Lisa tat beiden das Essen auf.

Mama?“, fragte sie, als sie ihrer Mutter den gefüllten Teller reichte.

Ja?“

Was meinst du nun dazu?“

Also“, hob Andrea mit einem Seufzer an, „von mir aus probier`s halt aus, wie weit du kommst, dann können wir immer noch weiter sehen.“

Danke.“

Lisa schoss um den Tisch, umarmte ihre Mutter stürmisch und küsste sie auf die Stirn.

Vor kurzem war sie noch so klein und ich hab sie auf die Stirn geküsst, dachte Andrea wehmütig und jetzt will sie in Amerika die Welt erobern. Die Zeit loszulassen steht wohl bevor.

Andrea war eine nüchtern denkende Frau, und so gab sie sich nicht lange den Gefühlsduseleien hin.

Sie sah Lisa zu, wie die sich mit großem Appetit über das Essen her machte. Ihre Tochter hatte zwar mit dem Leistungsschwimmen vor einiger Zeit aufgehört, aber ihr Appetit war noch immer, für ein junges Mädchen in ihrem Alter, überdurchschnittlich gut.

Wolltest du nicht mit Janina und Niko nach dem Abi nach Griechenland?“

Dafür haben wir doch den Juli. Im August will Janina sowieso noch mal mit ihren Eltern in Urlaub fahren.“

Und was ist, wenn du nach Los Angeles sollst? Willst du allein dort hin?“

Darüber können wir ja nachdenken, wenn es so weit ist. Wahrscheinlich werde ich, wenn überhaupt, nur in München als Statist ein paar Runden im Münchner Olympiastadium drehen“, gab Lisa sichtlich unbekümmert zurück.

Andrea war froh zu hören, dass ihre Tochter recht nüchtern die Sache betrachtete. Diese Lebenseinstellung würde ihr helfen, Niederlagen leichter wegzustecken.

Aber nichtsdestotrotz werden wir das alles auch noch mit deinem Vater besprechen müssen. Er hat schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

Wenn du nichts dagegen hast! Papa wäre der Letzte, der dagegen wäre“, sagte Lisa verschmitzt grinsend.

Andrea schwieg dazu, aber sie wusste, dass ihre Tochter Recht hatte. Bei wichtigen Entscheidungen die Ihre Kinder und die Familie betrafen, verließ Thomas sich blind auf ihr Gefühl, was angesagt oder machbar wäre.

Wann ist das Casting noch mal? Wann ist der Einsendeschluss für die Bewerbungen?“

Mit einem Mal kam Andrea das alles ziemlich knapp und viel zu übereilt vor.

Der Einsendeschluss ist Ende Mai und Mitte Juni ist das Vorcasting“, erklärte Lisa.

Schon? Wie willst du das schaffen. Du hast bald deine letzte Abiprüfung.“

Andreas Blick wanderte zum Familientimer, der in der Küche hing und in dem alle Termine der Familienmitglieder übersichtlich eingetragen wurden. Ihr Blick blieb am heutigen Datum hängen.

Was sagtest Du? Wann ist Bewerbungsschluss?“

Ende Mai.“ Lisa nahm Garfield auf den Schoß, der erneut laut klagend um ihre Beine gestrichen war. Der Kater rollte sich zusammen und Lisa streichelte ihn mechanisch mit einer Hand, während sie mit der anderen weiter aß.

Andrea hatte keine Bedenken, dass das Tier sich etwas vom Tisch holte. Sie wusste, dass der Kater gewürzte Speisen verabscheute.

Wie willst du das schaffen? Du hast jetzt nur noch ein paar Tage, um Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und lernen musst du auch noch“, fragte Andrea skeptisch.

Mündliche Prüfung in Englisch! Was soll ich da lernen? Ich bin dabei, mir die letzte Lektüre durchzulesen und jeden Tag in der Times zu blättern, falls etwas Aktuelles dran kommt. Außerdem schaue ich jeden Abend die Nachrichten von CNN an. Und ich habe noch etliche Videos, die ich mir in Originalsprache ansehen möchte“, zählte Lisa auf.

Wenn du meinst…“

Andrea fragte sich, ob dies die richtige Art der Vorbereitung auf eine Prüfung war, aber etwas Besseres fiel ihr auch nicht ein. Der Vorschlag mit der Times und CNN kam schließlich von ihr selbst, nachdem Lisa ihr gesagt hatte, dass in der Prüfung vielleicht über aktuelle Themen gesprochen werden würde. Aber Videos? Irgendwie verstand Lisa es immer wieder, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Das führte nicht immer zu herausragenden Noten, aber sie kam durch.

„… und was ist mit der Bewerbung? Was brauchst du eigentlich dafür? Hast du dich schon darum gekümmert?“, wollte Andrea weiter wissen.

Alles schon fertig. Ich hab ein paar Fotos und das kurze Video vom letzten Wettkampf, das Papa gemacht hat auf eine CD-Rom gebrannt. Außerdem habe ich noch einen Ausschnitt von unserer Theateraufführung in der Schule vom letzten Jahr drangehängt. Das müsste reichen.“

Andrea sah ihre Tochter sprachlos an, die den Blick ruhig und fest erwiderte. Ihr entging nicht, dass Lisa sich freute, ihre Mutter verblüfft zu haben. Das kam immerhin nicht oft vor, denn Andrea verfügte über jenen Instinkt, der es ihr ermöglichte, das Verhalten oder die Vorhaben ihrer Mitmenschen, vor allem die sie kannte, vorab zu erahnen. Nur selten konnte man sie, so wie jetzt, überraschen.

Und ob sie überrascht war! Für einen Bruchteil von Sekunden fiel ihr buchstäblich die Kinnlade herunter. So viel Eigeninitiative hatte sie selten bei Lisa erlebt, die eher gewohnt war, die organisatorische Planung ihrer Mutter zu überlassen. Sie konnte nur staunen.

Wow“, brachte sie hervor.

Auf dem Gesicht ihrer Tochter machte sich ein überlegenes Grinsen breit. Sie genoss den Augenblick, ihre Mutter überrumpelt zu haben, sichtlich.

Andrea nahm es ihr nicht übel. Sieh an, dachte sie bei sich, das Kind wird flügge.

Nicht ganz ohne Stolz auf ihre Tochter, die anscheinend schon recht gut ihr Leben in die Hand nehmen konnte, lächelte sie gespielt säuerlich zurück.

So, wenn du eh schon alles geplant hast, warum fragst du dann überhaupt noch, ob wir was dagegen hätten?“

Wiederum gespielt schnippisch gab Lisa zurück: „Ich wollt halt nicht unhöflich sein?“

Na, dafür bin ich dir aber dankbar.“

Andrea und ihre Tochter kicherten in stillem Einvernehmen. Im selben Augenblick hörten sie Thomas und Chris zur Tür reinkommen. Trixi, ihr Haushund, der bisher schlafend auf seiner Decke gelegen hatte, begrüßte die beiden freudig bellend.

Andrea sah Lisa mit einem vielsagenden Blick an. Sie wusste, dass Lisa sich ebenfalls auf die Gesichter der Männer freute, die diese beim Hören der Neuigkeiten machen würden.

Ihr seid spät dran!“, rief Andrea ihnen entgegen. „Wenn ihr euch beeilt, dann können wir noch zusammen essen. Wir waren so frei und haben schon angefangen. Das Essen ist noch halbwegs warm. Wascht euch schnell die Hände und setzt euch. Lisa hat was zu erzählen!“

Als Thomas und Chris sich zu ihnen an den Tisch setzten, gab Thomas seiner Frau einen Kuss auf die Wange.

Entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass du heute deinen Schönheitstag machen wolltest. Chris hatte mich überredet mit ihm in den Mediamarkt zu gehen und nach einem neuen Spiel zu sehen.“ Thomas klang leicht reumütig.

Schon gut. Dafür ist euer Essen inzwischen nur noch lauwarm“, sagte Andrea und füllte den beiden die Teller.

Mit strengen Blick zu ihrem Sohn sagte sie: „Ich hoffe ihr habt nichts gekauft. Du spielst sowieso viel zu viel am PC!“

Chris, der einige Jahre jünger war als seine große Schwester, schüttelte den Kopf. Er hatte sich bereits ein Stück Fleisch in den Mund geschoben. „Gab´s nich“, nuschelte er zwischen dem Brocken hervor und blickte seine Mutter mit treuen blauen Unschuldsaugen an.

Andrea ließ es dabei bewenden und deutete auf Lisa.

Dann schieß mal los!“, forderte sie ihre Tochter auf, die die letzten Tropfen Soße mit einer Kartoffel von ihrem Teller wischte und sich in den Mund schob. Langsam kauend ließ sie sich mit der Antwort Zeit. Andrea bemerkte, wie sehr sie es genoss, die Familie auf die Folter zu spannen.

 

   
 

 

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